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Klinische Erfahrungen mit Viscum album bei fortgeschrittenen Tumoren


Von M . Kalden


Veröffentlicht in: Erfahrungsheilkunde 6/1994

Zusammenfassung


Seit Beginn der zwanziger Jahre werden Mistelpräparate in der Behandlung maligner Tumore parenteral verabreicht. Anfangs war über Inhaltsstoffe, immunologische Effekte und optimale Dosierung kaum etwas bekannt. Aufgrund exakter klinischer Beobachtungen hat sich die Therapie im Rahmen der Erfahrungsheilkunde bis heute durchgesetzt und wird jetzt erfreulicherweise an einigen deutschen Universitäten geprüft.
Bisher ist es jedoch nicht gelungen, allgemeingültige Dosierungsschemata für die Behandlung maligner Tumore mit Mistelextrakten aufzustellen. Ob dies jemals möglich bzw. sinnvoll sein wird, erscheint aufgrund einiger klinischer Erfahrungen - insbesondere mit der Mistel-Hochdosis-Infusionsbehandlung - auch äußerst fraglich: Patienten mit fortgeschrittenen Bronchialneoplasien reagieren auf Misteltherapie in ganz unterschiedlicher Weise, sowohl im Hinblick auf die Immunmodulation als auch auf den tumorhemmenden Effekt. Bei einigen Patienten kommt es bei einer relativ niedrigen Dosierung vorübergehend zu einer deutlichen Verlangsamung des Tumorwachstums, während man bei anderen Patienten in gleicher Dosierung lediglich einen immunmodulativen Effekt feststellen kann.
An einem klinischen Beispiel wird gezeigt, dass wässrige, nicht fermentierte Mistelextrakte, in hoher Dosierung per infusionem appliziert, einen reproduzierbaren tumorhemmenden Effekt haben, wobei die Dosierung immer individuell gewählt werden muss. Das Beispiel zeigt ferner, dass dabei mitunter auch ein immunsuppressiver Effekt auf die zellvermittelte Immunitätslage auftreten kann. Darüber hinaus soll die Frage diskutiert werden, inwieweit Resistenzentwicklungen unter der Misteltherapie zu berücksichtigen sind.

Schlüsselwörter
Mistelpräparate, Misteltherapie, Immunmodulation, Tumorwachstumshemmung, Dosierungsschema für die Mistelbehandlung.

Summary
Since the early twenties, mistletoe preparations are used for parenteral treatment of cancer. In those days, the ingredients, the immunologic effects and the required dosage were not yet known. Founded on exact clinical observations, mistletoe therapy got its way until now as part of unconventional medicine and is nowdays examined even in some universities.
However, the efforts to establish a valid dose schedule for mistletoe therapy were not successfull up to now. On account of our own clinical experience, especially in the application of high dose iv-infusions of mistletoe preparations, it seems very doubtful, if a rigid dose schedule will ever be possible or useful. Patients with advanced lung cancer react to mistletoe application in a quite different manner, concerning both immunmodulation and inhibition of tumor growth. At some patients a comparatively low dose results in a significant retardation of tumor growth, wherease at other patients, the same dose has only an immunmodulatory effect without alteration of cancer progression. A single case report demonstrates the reproduced inhibition of cancer growth by high dose iv-infusions of an aqueous nonfermented mistletoe extract. Sometimes a suppression of cellular immunoreactivity can be also observed. The choice of dose always depends on the patient's individual reaction.
In addition, the possibility of the development of drug resistance to mistletoe will be discussed.

Keywords
Mistletoe preparations, immunmodulation, inhibition of tumor growth, dose schedule for mistletoe therapy.


Viscum album wurde zum ersten Mal Anfang der zwanziger Jahre durch den Begründer der Anthroposophie, Rudolf Steiner, parenteral in der Tumortherapie eingesetzt. Dies war in einer Zeit, als man weder etwas über die Inhaltsstoffe, noch über die Wirkungsweise des Gesamtextraktes wusste. Die Beobachtung lehrte sehr schnell, dass dieses pflanzliche Präparat Tumorpatienten ein besseres Wohlbefinden schenkt, dass es schmerzlindernd wirkt und zum Teil auch einen positiven Einfluss auf die Hemmung des Zellwachstums nimmt.
Heute werden die Mistelpräparate mehr denn je diskutiert und im universitären Bereich geprüft. Man hat inzwischen Einzelinhaltsstoffe der Mistel isoliert und auf ihre Wirkungsweise hin im Tierversuch überprüft.
Die Viscotoxine sind zum Teil verantwortlich für die Zytotoxizität durch Membraneinwirkung, darüber hinaus steigern sie die Aktivität zytotoxischer T-Zellen. Arabinegalaktane sollen verantwortlich sein für die Steigerung der NK-Zellaktivität. Bekanntester Vertreter der Inhaltsstoffe ist das sogenannte Mistellektin I, das sowohl zytostatische als auch immunologische Effekte in niedriger Dosierung haben soll. Kontrovers diskutiert wird die Wichtigkeit dieses Mistellektin I, da es Mistelpräparate gibt, die nachweislich kein Mistellektin I enthalten, aber eine hohe immunologische Aktivität aufweisen. Man wird sich die Frage stellen müssen, ob es zulässig und sinnvoll ist, eine einzelne Substanz aus einem pflanzlichen Gesamtextrakt zu isolieren, um Präparate auf diesen zu standardisieren und entsprechende Dosierungsanweisungen zu geben. In der Praxis sind wir von dieser Vorstellung noch sehr weit entfernt, wie eine Falldarstellung dokumentieren wird.
In der Klinik wird die Mistel bei unterschiedlichen Indikationen verabreicht. In niedriger Dosierung wird sie mit dem Ziel einer Immunmodulation appliziert. Dies ist die in der Praxis am weitesten verbreitete Indikation. Die immunmodulative Wirkung der Mistel konnte in zahlreichen experimentellen und klinischen Studien nachgewiesen werden, wodurch auch einige klinische Phänomene geklärt werden konnten. Im Immunsystem werden insbesondere die CD-4 markierten Zellen (TH1- und TH2-Zelle) stimuliert, darüber hinaus die Fraktion der NK-Zellen, die Lymphokine IL II, Gammainterferon und IL IV-VI. Damit lässt sich auch die schmerzlindernde Eigenschaft der Mistel erklären, da es über die TH2-Stimulierung zu einer Endorphinfreisetzung im Körper kommt. Als zweites lässt sich das Phänomen der oft beobachteten Eosinophilie nach Misteltherapie erklären, da Interleukin V als Eosinophilenwachstumsfaktor bekannt ist.
Die Dosierung der Mistelpräparate ist dem Patienten individuell anzupassen, da jeder Mensch auf den Antigenreiz mit unterschiedlichen Reaktionen antwortet. Als zukünftiges Behandlungsschema scheint sich die Applikationshäufigkeit 3 mal pro Woche durchzusetzen, wobei nach 2 Wochen Therapie jeweils 1 Woche Therapiepause eingelegt werden sollte.
Die Mistel eignet sich auch als Lokaltherapeutikum bei malignen Erkrankungen. Gemeint ist hiermit die Möglichkeit, einen malignen Ascites oder einen malignen Pleuraerguß lokal zu therapieren. Nach einer intracutanen Vortestung sollte das entsprechende Körperkompartiment (Pleuraerguß oder Ascites) vollständig abpunktiert werden, um anschließend eine hohe Dosierung des entsprechenden Mistelpräparates zu instillieren. Dieser Vorgang einige Male wiederholt, führt in vielen Fällen zu einer Abnahme der täglichen Ascites- bzw. Pleuraergußmenge. Derzeit laufende klinische Studien lassen hoffnungsvolle Ergebnisse erwarten.

Die Mistel hat sich auch als Adjuvans zur Polychemotherapie durchgesetzt. Man geht davon aus, dass die Mistel, zusätzlich zur Polychemotherapie verabreicht, einen schützenden Effekt auf das Knochenmark hat und damit die Depression des Immunsystems verringert. Dies konnte anhand einer Studie bei Mammacarcinom-Patientinnen nachgewiesen werden, wie aus Abb. 1 a u. 1b zu ersehen ist. Die Chemotherapie nach dem SALMONJONES-Schema bewirkt, dass am 12. Tag der Multitest Mérieux eine anerge Situation demonstriert, während die zusätzliche Gabe der Mistel immerhin noch einen Score von knapp 5 erhält. Zurzeit wird, leider nur in Einzelfällen, der Einsatz der Mistel als Hochdosis-Infusionsbehandlung geprüft. Hierbei geht man von einem zytostatischen Effekt der Mistel aus, und dies konnte in vielen Fallbeispielen dokumentiert werden. Eigene Untersuchungen haben bestätigt, dass die Mistel in der Tat einen zytostatischen Effekt in hoher Dosierung aufweisen kann, wobei als Nebenwirkung eine leichte Immundepression zu erwarten ist. Dies zeigt sich in der Abnahme der Absolutzahlen der einzelnen Lymphozyten-Subpopulationen, die aber sehr schnell durch zum Beispiel eine Echinacea-Behandlung behoben werden kann.
Interessante Indikationen für die Hochdosis-Infusionsbehandlung mit der Mistel sind das inoperable und metastasierte Bronchial-NPL (kleinzellig und nicht kleinzellig), das metastasierte Mammacarcinom und Gallengangscarcinom.
Ein sehr beeindruckendes Fallbeispiel soll auf die möglichen Probleme der Mistel-Hochdosisbehandlung hinweisen.
Die Entwicklung der Lymphozyten- Subpopulationen bei dem Patienten B. N. ist in Graphik a) und b) aufgezeigt.

Patient: Herr B. N., * 09. 09. 1921

Diagnose:
inoperables Plattenephithelcarcinom des rechten Lungenunterlappens, ED 6/89 (bronchoskopische Diagnosesicherung) Histologie: unterschiedlich bis mittelhoch differenziertes Plattenepithelcarcinom.

Onkologische Anamnese: 7/89 Zustand nach Probethoracotomie zur Diagnosesicherung, 8/89 stationäre Aufnahme in der Veramed-Klinik am Tannenberg, Meschede.



Ausgangsstaging 8/89:

Subjektives Befinden:
Patient in reduziertem Allgemeinzustand, Gewichtsabnahme in den letzten 2 Monaten 4 kg. Der Patient leidet ferner an Haemoptysis.
Laborkontrolle: BSG: 20/45, Ferritin 200 mg/ml alle anderen Laborparameter im Bereich der Norm.

Abb. 2: Rö.-Thorax v. 8/89.
Rö.-Thorax 2 Eb.:
Im Vergleich zur Voruntersuchung von 6/89 mäßige Befundprogression der streifigen Verdichtungen im re. Unterlappen (siehe Abb. 2).

Beurteilung:
mäßige Progression der Tumorerkrankung im Vergleich zur Voruntersuchung von 6/89.

Therapeutische Konsequenz:
Einleitung einer optimierten Helixor-ABehandlung, über Serie I, II, IV bis 3 x50 mg pro Woche s. c.


Restaging-Untersuchung 10/89:
Der Patient fühlt sich subjektiv wesentlich besser, Gewichtszunahme 1,5 kg. Keine Haemoptysis mehr.

Laborkontrolle:
BSG: 3/18 (VORWERT 20/45). Ferritin: 250 (200 ng/ml). Alle anderen Laborparameter im Bereich der Norm.

Rö.-Thorax 2 Eb.: (siehe Abb. 3)
Im Vergleich zur Voraufnahme vom 11. 8. 89 Auflockerung der streifigen Verdichtungen im rechten Unterlappen, partiell sogar völlig zurückgebildet.

Beurteilung:
In Bezug auf die Tumorerkrankung status idem bzw. leichte Regression im Vergleich zur Voruntersuchung.

Immundiagnostik:
Multitest Merieux: score 38/6

Bestimmung der Lymphozyten-Subpopulationen:
OKT 11: 1.626
B-Zellen: 386
OKT 4: 1.325
OKT 8: 692
NK-Zellen: 80
Ratio T4/T8: 1,9

Beurteilung:
gut stimuliertes zellvermitteltes Immunitätssystem.

Therapeutische Konsequenz:
Fortsetzen der laufenden Therapie mit Helixor 3 x 50 mg pro Woche s. c.

Restaging-Untersuchung 2/90:
Subjektiv unverändert gutes Allgemeinbefinden.

Laborkontrolle:
BSG: 3/15 (3/18)*

Rö.-Thorax 2 Eb.: (s. Abb. 4)
status idem im Vergleich zur Voruntersuchung.

Beurteilung:
Stabilisierung der Tumorerkrankung, kein Hinweis auf eine Progression.

Immundiagnostik:
Multitest Merieux: score 36/6 (38/6)

Bestimmung der Lymphozyten-Subpopulationen:
OKT 11: 2.986 (1.626)
B-Zellen: 395 (386)
OKT 4: 1.876 (1.325)
OKT 8: 1.165 (692)
NK-Zellen: 267 (80)
Ratio T4/T8: 1,6 (1,9)
* In Klammern jeweils der Wert der Voruntersuchung.

Beurteilung:
gute Stimulierung der immunkompetenten Zellen unter Helixor A, 3 x 50 mg/Wo. s. c.

Therapeutische Konsequenz:
Fortsetzung der Helixor-A-Behandlung 3 x 50 mg/Wo. s. c.

Restaging-Untersuchung 10/90:
Patient stellt sich in ausgesprochen reduziertem Allgemeinzustand vor, erneut Haemoptysis und Gewichtsabnahme.

Laborkontrolle:
BSG: 40/80 (3/15) Eisen 40, Ferritin 396

Rö.-Thorax 2 Eb.: (siehe Abb. 5)
Im Vergleich zur Voraufnahme Zunahme der Verschattung der Basis des posterobasalen Unterlappensegmentes rechts mit Ausbildung einer segmentierten Rundung. Demarkierung weiterer, als Metastasen zu deutende Rundherde im Mittellappenbereich rechts.

Beurteilung:
rasante Progression der Tumorerkrankung.

Immundiagnostik:
Multitest Merieux: score 40/6 (36/6)

Bestimmung der Lymphozyten-Subpopulationen:
OKT 11: 2.247 (2.986)
B-Zellen: 235 (395)
OKT 4: 1.415 (1.876)
OKT 8: 857 (1.165)
NK-Zellen: 124 (267)
Ratio T4/T8 : 1,4 (1,6)

Beurteilung:
Abnahme der Absolutzellzahlen, jedoch normwertig. Stabilisierung im Multitest Mérieux.
Therapeutische Konsequenz:
Einleitung einer Helixor-Hochdosis-Behandlung nach folgendem Schema:
Mo. 300 mg i. v., Mi. 500 mg, Fr. 700 mg, in der darauffolgenden Woche:
700, 500, 300 mg usw.

Restaging-Untersuchung 11/90:
Subjektiv erfreuliche Verbesserung, Stabilisierung des Gewichts, keine Haemoptysis mehr.
Laborkontrolle: BSG: 7/18 (40/80) Eisen: 53 (40)

Rö.-Thorax 2 Eb.: (siehe Abb. 6)
deutlicher Rückgang der Tumorinfiltration im re. Unterlappen.

Beurteilung:
gute Remission unter der Helixor-Hochdosis-Behandlung.

Immundiagnostik:
Multitest Merieux: score 39/7 (40/6)

Bestimmung der Lymphozyten Subpopulationen:
OKT 11: 1.359 (2.247)
B-Zellen: 206 (235)
OKT 4: 816 (1415)
OKT 8: 580 (857)
NK-Zellen: 64 (124)
Ratio T4/T8: 1,4 (1,4)

Beurteilung:
deutlicher Rückgang der Absolutzellzahlen unter Helixor-Hochdosis-Infusionsbehandlung.
Therapeutische Konsequenz:
Therapie mit Helixor, 3 x 300 mg s. c. pro Woche.

Restaging-Untersuchung 01/91:
subjektiv keine Veränderung, guter AZ und EZ.

Laborkontrolle: BSG: 6/16 (7/18) Eisen: 63 (53)

Rö.-Thorax 2 Eb.: (siehe Abb. 7)
im Vergleich zur Voruntersuchung von 11/90 weitere Befundverbesserung durch Abnahme der Tumorinfiltration im rechten Unterfeld, kein Hinweis auf neu aufgetretene intrapulmonale Filiae.

Beurteilung:
Gute Stabilisierung der Tumorerkrankung, röntgenologisch eher status regressus.

Immundiagnostik:
Multitest Merieux: score 41/7 (39/7)

Bestimmung der Lymphozyten Subpopulationen:
OKT 11: 2.073 (1.359)
B-Zellen: 339 (206)
OKT 4: 1.338 (816)
OKT 8: 772 (580)
NK-Zellen: 116 (64)
Ratio T4/T8: 1,7 (1,4)

Beurteilung:
nach Umstellung auf eine Subcutanapplikation von Helixor 3 x 300 mg pro Woche gute Stimulierung der Lymphozyten-Subpopulationen.
Therapeutische Konsequenz:
Fortsetzung der Therapie mit Helixor A 3 x 300 mg pro Woche s. c.

Restaging-Untersuchung 06/91:
Subjektiv keine Veränderung

Laborkontrolle: BSG: 1/2 (6/16) Eisen: 70 (63)

Rö.-Thorax 2 Eb.: (siehe Abb. 8)
Im Vergleich zur Voruntersuchung status idem.

Beurteilung:
Stabilisierung der Tumorerkrankung unter Helixor A, 3 x 300 mg pro Woche s. c.

Immundiagnostik:
Multitest Merieux: score 30/7 (41/7)

Bestimmung der Lymphozyten-Subpopulationen:
OKT 11: 1.163 (2.073)
B-Zellen: 153 (339)
OKT 4: 850 (1.338)
OKT 8: 571 (772)
NK-Zellen: 35 (116)
Ratio T4/T8: 1,5 (1,7)

Beurteilung:
unter der gleichbleibenden Behandlung von 300 mg Helixor A s. c. (3 x pro Woche appliziert) jetzt Abnahme der Absolutzellzahlen der Lymphozyten-Subpopulationen.

Therapeutische Konsequenz:
Dosisreduktion auf 3x200 mg pro Woche s. c. Helixor A.

Restaging-Untersuchung 10/91:
Subjektiv erneute Reduzierung des Allgemeinzustandes, wieder auftretende Haemoptysis.
Laborkontrolle: BSG: 2/6 (1/2) Eisen: 55 (70)

Rö.-Thorax 2 Eb.: (siehe Abb. 9)
Im Vergleich zur Voruntersuchung von 6/91 minimale Vergrößerung des tumorösen Prozesses im re. Unterlappen, jetzt lässt sich ein abgekapselter, wahrscheinlich zentral einschmelzender Tumoranteil besser abgrenzen.

Beurteilung:
Mäßige Progression der Tumorerkrankung mit ausgeprägter klinischer Symptomatik.

Immundiagnostik:
Multitest Merieux: score 17/7 (30/7)

Bestimmung der Lymphozyten-Subpopulation:

OKT 11: 2.334 (1.163)
B-Zellen: 532 (153)
OKT 4: 1.438 (850)
OKT 8: 800 (571)
NK-Zellen: 387 (35)
Ratio T4/T8: 1,8 (1,5)

Beurteilung:
unter der reduzierten Dosis Helixor A, 3 x 200 mg pro Woche s. c., jetzt gute Stimulierung der Lymphozyten-Subpopulationen, jedoch Abnahme des Multitest Merieux.

Therapeutische Konsequenz:
Erneute Einleitung einer Helixor-Hochdosis-Behandlung mit 300, 500 und 700 mg Helixor A i. v.

Restaging-Untersuchung 12/91:
Subjektiv erst seit 3 Tagen Verbesserung der klinischen Symptomatik. Vorher 4 Wochen lang gravierende Verschlechterung des Allgemeinzustandes.

Laborkontrolle: BSG: 72/114 (2/6)
Eisen: 16 (55)
Ferritin: 126,5

Rö.-Thorax 2 Eb.: (siehe Abb. 10)
Gegenüber der letzten Voruntersuchung Größenzunahme des Tumors rechts infrahilär mit breiter Atelektase des rechten Mittellappens, die ebenfalls deutlich größer geworden ist, nach wie vor keine umschriebenen Rundherde.

Beurteilung:
Laborchemisch und röntgenologisch weiter Progression der Tumorerkrankung, jedoch klinisch seit 3 Tagen Stabilisierung des Allgemeinzustandes.
Immundiagnostik:
Multitest Merieux: score 18/7 (17/7)

Bestimmung der Lymphozyten-Subpopulationen:
OKT 11: 981 (2.334)
B-Zellen: 146 (532)
OKT 4: 675 (1.438)
OKT 8: 447 ( 800)
NK-Zellen: 51 (387)
Ratio T4/T8: 1,5 (1,8)

Beurteilung:
unter der Helixor-Hochdosis-Infusionsbehandlung erneut massive Abnahme der Absolutzahlen der Lymphozyten-Subpopulationen. Stabilisierung des Multitest Merieux.

Therapeutische Konsequenz:
Obwohl objektiv die Tumorerkrankung sich in Progression befindet, Fortsetzung der Helixor-Hochdosis-Behandlung, da klinisch seit 3 Tagen deutliche Befundverbesserung.

Restaging-Untersuchung 01/92:
Subjektiv gute Verbesserung des Allgemeinbefindens, keine Haemoptysis mehr.
Laborkontrolle:
BSG: 12/36 (72/114) Eisen: 67 (16)

Rö.-Thorax 2 Eb.: (siehe Abb. 11).
Gegenüber der letzten Voruntersuchung vom 4.12.91 jetzt Befundverbesserung: Größenabnahme der Mittellappenatelektase rechts und auch deutliche Abnahme der Verschattungen im rechten Unterlappen. Ansonsten keine Befundveränderung.


Beurteilung:
Deutliche Regression der Tumorerkrankung.

Immundiagnostik:
Multitest Merieux: score: 25/5 (18/7)

Bestimmung der Lymphozyten-Subpopulationen:
OKT 11: 997 (981)
B-Zellen: 356 (146)
OKT 4: 559 (675)
OKT 8: 482 (447)
NK-Zellen: 219 (51)
Ratio T4/T8: 1,2 (1,5)

Beurteilung:
trotz Fortsetzung der Helixor-Hochdosis Behandlung leichte Stimulierung der Lymphozyten-Subpopulationen, jedoch hier als zusätzliche Medikation Echinacea per os.

Therapeutische Konsequenz:
Umstellung der Helixor-A-Behandlung auf 3 x300 mg pro Woche s. c.

Diskussion

Die vorliegende Kasuistik zeigt, dass das Problem der Misteldosierung ganz individuell ist und sehr von der Zusammenarbeit zwischen Arzt und Patient abhängt.

Tab 1: Schlussfolgerung aus der vorgestellten Kasuistik:

  1. Mistel in niedriger Dosierung -immunstimulierender Effekte.
  2. Mistel in niedriger Dosierung -auch hier bereits Tumorzellzerstörender Effekt zu beobachten.
  3. Mistel in konstanter niedriger Dosierung -nach 7 -12 Monaten Progress der Tumorerkrankung
  4. Mistel in hoher Dosierung -zytostatischer Effekt, aber auch kurzfristige Immunsuppression
  5. Misteltherapie in hoher Dosierung wiederholt angewendet -erneuter zytostatischer Effekt.
  6. Resistenz-Entwicklung?
  7. Mistel in der Dosierung nach unten korrigiert - erneuter immunstimulierender Effekt
  8. Misteltherapie als Hochdosis Infusions-Behandlung mindestens 4 bis 6 Wochen lang!


Es ergeben sich Schlußfolgerungen, die in Tab. 1 wiedergegeben sind. Zum Teil sind es Aussagen, die bekannt und durch experimentelle und klinische Studien belegt sind (Punkt 1 u. 2).
Interessant erscheint die Tatsache, dass die Mistel in konstanter niedriger Dosierung nach 7 bis 12 Monaten zu einem Progress der Tumorerkrankung führen kann. Dies ist eine Beobachtung, die durch weitere klinische Untersuchungen verifiziert werden sollte.
Die Mistel in hoher Dosierung zeigt in vielen Fällen tatsächlich einen tumorzellreduzierenden Effekt, hierbei ist allerdings darauf zu achten, dass es auch zu einer kurzfristigen Immunsuppression kommen kann. Da wir klinisch lediglich ein Kleinerwerden des Tumors statuieren können, muss natürlich die Frage diskutiert werden, ob es sich um einen direkten zytostatischen Effekt handelt, oder aber eventuell um eine exzessive Ausschüttung von Lymphokinen, z.B. dem Tumornekrosefaktor. Auch dieser Punkt sollte von der klinischen Forschung aufgenommen werden. Die Punkte 5 und 6 werfen die Frage nach einer möglichen Resistenzentwicklung auf bzw. lassen vermuten, dass die Mistel möglicherweise keine eindeutigen Resistenzprobleme mit sich bringt. Wir konnten bei wiederholter Hochdosisinfusionstherapie feststellen, dass sich der tumorzellzerstörende Effekt wiederholte, obwohl zwischen den einzelnen Hochdosistherapien mindestens 12 Monate lagen. Zum anderen bekam der Patient in der Zwischenzeit immer wieder das gleiche Mistelpräparat in unterschiedlicher Dosierung s. c. injiziert.
Es ist bekannt, dass Mistellektin I die Bildung von Mistellektinantikörpern induziert und es nach kurzer Zeit zu einer Neutralisierung der Mistellektin-I-Wirkung kommen kann. Dies widerspricht dem bereits Gesagten, wenn man davon ausgeht, dass Mistellektin I die verantwortliche Substanz für die zytostatische Wirkung sein soll.
Wiederholt konnte man beobachten, dass die Mistel bei gleichbleibender Dosierung einen Abfall der einzelnen Lymphozyten-Subpopulationen zur Folge hatte. Eine Korrektur der Dosierung nach unten führte umgehend zu einer erneuten Stimulierung der einzelnen Immunzellfraktionen. Als wertvolle Aussage ist die Feststellung zu werten, dass man die Mistel-Hochdosis-Infusionsbehandlung mindestens 4-6 Wochen lang durchführen muss, um einen klinischen Effekt zu sehen. In der Vergangenheit ist es immer wieder vorgekommen, dass man eine Mistel-Hochdosis-Therapie zu kurzfristig abgebrochen hat, weil sich in den ersten 4 Wochen eine rasante Progression der Tumorerkrankung herausstellte.
Zusammenfassend ist festzustellen, dass durch die Kasuistik interessante Fragen an die klinische Forschung gestellt werden. Ich werte die Arbeit als Anstoß, für die Zukunft klinische Studien zu formulieren, die weniger die Einzelsubstanzen der Mistel untersuchen als vielmehr den Mistelgesamtextrakt.

Korrespondenzadresse:

Dr. med. Michael Kalden, Praxisklinik für Onkologie und Naturheilverfahren, Westfaldendamm 275 - D-44141 Dortmund